die auszeit der ameri m

oktober 1993

die idee

wir "warten" -

ich frage mich: worauf warte ich? warum warte ich? wie?

ich befrage meine erinnerungen: wann habe ich worauf, warum, wie gewartet? was hat es mir bedeutet, zu warten, was läßt sich von dieser bedeutung rekonstruieren und wohin läßt sie sich abstrahieren? wer war ich bevor, während und nachdem ich gewartet habe? zu wem hat mich diese wartezeit gemacht, wer war ich vorher und wer bin ich geworden? (wer bin ich überhaupt?)

warum ist mit mir geschehen, was geschehen ist, was ich gewartet habe...

die rollenbiographie

ich schreibe eine biographie für jemanden, die ich sein könnte, weil ich so gewartet habe, die wie ich gewartet hätte, die nicht ich ist, die ich aber sein könnte.

sie hat einen namen. es gibt stationen in ihrem leben, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist, die ihre aktionen und reaktionen bedingen. stationen und erfahrungen wie teilchen, mit denen ich puzzle, die ich zu einem charakter zusammensetze, zu ihrem charakter: ameri m.

ameri m

ameris leben sind stationen. der hinterhof ist die letzte in einer nacht im oktober. ameri, als sie im hof aufwacht, ist die endstation eines konstruierten lebenslaufes über stationen. ameri ist so konstruiert wie ihr lebenslauf, dessen logische konsequenz die endstation ist.

in ameri geht eine rechnung auf, die in der wirklichkeit unauflösbar ist, ameri ist das logische ergebnis eines gedankenkonstruktes, ameri ist eine konsequenz, der tod den sie stirbt ist die konsequenz dieser konsequenz. ameri ist eine persönlichkeit, wie sie hätte sein können und sie stirbt den tod, den diese hätte sterben müssen, in ameri ist ein leben er- und zu ende gedacht. ameri ist eine formel, eine gleichung, die aufgeht. ameri ist ein leben in zeitraffer, aus dem nur einzelne bewegungsmomente aufgenommen und zusammenmontiert sind.

alles was ameri durchlebt hat, bringt sie um, sie eilt ihrem ende entgegen, schneller als gewöhnlich. ameris leben begegnet sich im tod.

ich denke das konstrukt zu ende, ich sterbe ameris tod.

die rollen in der gruppe

wir entwickeln die rollenbiographien, ohne voneinander zu wissen, ohne einander einzuweisen, wir handeln mit intimitäten, in jeder biographie gibt es diese stationen, wir bekommen lediglich eine art akte zu unseren mitspielern: erscheinungsbild, auffällige verhaltensweisen, kurzbiographie.

wir puzzlen begegnungen denen ich begegne, denen nähere ich mich. deren hintergründe durchleuchten wir und suchen uns die haken, an denen wir meine rolle einhaken können. wir verknüpfen die charaktere zu begegnungen. jeder einzelne gewinnt an gestalt durch die begegnungen mit anderen.

der ort

wir spielen in einem glasüberdachten hinterhof. in dem hof gibt es ein großes, verschlossenes tor.

wir warten. die stationen unserer biographien, die momente des wartens, von denen wir ausgegangen waren, transzendieren: jeder von uns ist aus seinem lebenslauf heraus auf das tor zugelaufen, das tor ist stationen für jeden von uns. niemand wird eingelassen, alle warten.

zu einer seite des hofes sind über drei etagen stahltreppen und galerien begehbar, von denen aus später das publikum zuschauen wird.

wir bewegen uns in dem hof, wir rufen und sprechen, wir machen den hof zu einem ort, der er vorher nicht war, wir taufen, weihen, heiligen den ort, es ist der ort unserer begegnungen, die große station in unserem leben, die größere hoffnung, die (schein-bare) endstation, sollten wir eingelassen werden...

wir füllen den raum mit stimmen, schreien, bewegungen und mit klang. im hof schlägt ein herz.

wir beleben den ort, der hof spielt eine hauptrolle in unserem stück, seine rollenbiographie ist so geheimnisvoll wie die biographien jedes einzelnen. wir finden uns für den moment zusammen in dem hof, mit dem hof, der hof ist wie eine mutter, die nicht genug wärme geben kann, er hält uns geborgen, aber uns ist viel zu kalt. das tor verspricht uns die geburt in eine andere welt, aber das tor wird sich nicht öffnen.

durch das glasdach spielt der mond mit in unsere begegnungen.

die durchführung

der hof ist ein körper, in den der zuschauer eindringt, im hof pulsiert der herzschlag, der hof ist wie ein bauch, in den wir uns verkrochen haben vor der nacht. der körper ist krank, den herzschlag kontrolliert eine maschine. es ist kein warmer körper, es ist kein lebendiger körper, es ist ein volumen, in dem ein herzschlag gefangen ist.

der zuschauer dringt in einen organismus ein, der auch ohne ihn funktionieren würde. der zuschauer gerät mitten in ein laufendes geschehen, der zuschauer ist wie ein zaungast, ein betrachter von außerhalb, der nicht bemerkt wird. der zuschauer schaltet sich in ein programm ein, das schon läuft, er kann nicht wissen, was sich bereits ereignet hat.

es gibt keine geschlossene handlung, es gibt fragmente, die wir zusammengefügt haben. wir lenken den zuschauer durch ein kuriositätenkabinett, in dem er anschauen kann, ohne verstehen zu müssen und zu können. er darf sich das stück seiner wahl heraussuchen, um es mitzunehmen.

wir bieten ihm ein gerüst, an dem er sich entlanghangeln kann: klangmuster, die immer wiederkehren, kurze handlungsstränge, die sich zwischen personen spannen. wir führen den zuschauer hin und her, fordern ihn auf, hierher und dorthin zu blicken, zu entdecken und zu verknüpfen, wir arbeiten mit assoziationen, wir verständigen uns über eine zeichensprache. wir erklären nichts, wir vermitteln inhalte über kostüme, requisiten, gesten und äußerst reduzierten spracheinsatz. aufgrund der distanz und der ungewöhnlichen perspektive, aus der das publikum schaut, erübrigt sich alles, was die große geste nicht lohnt. jedes gesprochene wort und jede bewegung ist auf den effekt hin überprüft, den sie auf ein (verwirrtes) publikum haben kann und haben wird. indem wir den zuschauer schockieren, pflanzen wir uns in sein hirn und zwingen ihn zumindest, wenn schon nicht sofort zu verstehen, dann sich doch zumindest zu erinnern und vielleicht über die erinnerung zu verstehen.

der zuschauer ist wie die darsteller: er kommt mit eigenen erfahrungen und mit eigenen erwartungen. er sieht mit eigenen augen, fühlt seine eigenen gefühle und denkt mit eigenem verstand. während der zuschauer verstecken kann, geben wir etwas preis, verkaufen ein stück von uns selbst an jemanden, der dafür verwendung finden könnte.

niemand kann allem folgen. niemand kann alles sehen. jeder sieht aus einer anderen perspektive.

ameris auszeit

ameri ist in den hof gekommen, um zu sterben. es hat keine ameri gegeben, sie hat nicht gelebt, bevor sie in den hof gekommen ist, um zu sterben. sie stirbt für ein publikum, das nur ihren tod beobachtet, nicht ihr leben.

für eine stunde bin ich ameri, an fünf abenden sterbe ich für ameri.

ameri trägt ein nachthemd, es ist oktober und so kalt, daß man sich atmen sehen kann. ameri wird mit dem kopf in ein wasserfaß getaucht, die nassen haare und das feuchte gesicht machen den atem noch sichtbarer, es sind die letzten atemzüge.

ameri bekommt einen negerkuß ins gesicht gedrückt, aysche zieht ameri zu sich unter die warme decke, die wärme wird mit ameri feucht, der negerkuß im gesicht beginnt zu kleben.

ameri stürzt auf das pflaster.

an fünf abenden lasse ich mich vorwärts fallen, auf das pflaster zu, weiß worauf ich zustürze, weiß, wie es sich anfühlt, mit nackten beinen auf ein kopfsteinpflaster zu stürzen, da beinahe zehn minuten zu liegen und vor anspannung zu beben und vor kälte. (denke manchmal plötzlich daran, wenn ich auf der straße gehe: wie es sich anfühlen würde, wenn ich mich fallenließe.) weiß, wie es sich anhört, wenn das eisenscharnier meiner engelsflügel vor mir über die steine kreischt, wie um den körper anzukündigen, der folgt, und wie es sich anfühlt, wenn die kleine wunde wieder auf die staubigen steine zu bluten beginnt, die ich mir bei einer probe in die handfläche gerissen habe.

ameri wäscht sich, sucht reinheit in dem wasserfaß, das sie umgebracht hat, und dann legt sie sich auf die erde ihres grabes, um zu sterben. ich weiß, wie sich die kühle erde unter dem nassen nachthemd anfühlt und wie sie kalt im gesicht klebt. als ameri gestorben ist, stehe ich auf und werde für das publikum, die, die ich bin. ameri bleibt tot, die, die aufsteht, bin ich. ich lasse fünfmal ameri sterben, jedesmal eine andere, und die, die ich bin, als ich vom grab aufstehe, ist auch immer eine andere.

die aufzeichnung

zwei kameraaugen folgen dem roten faden, den wir durch die auszeit gelegt haben, zwei mögliche perspektiven von bevorzugten standpunkten aus, die festgehalten werden.

über die videoaufzeichnung sehe ich die auszeit als ganzheit aus eben diesen perspektiven, sehe vieles, was ich nie wahrgenommen hatte, sehe auch ameri, die ich war, die ich nicht mehr bin, die mir fremd ist, wie mir alles fremd ist, in dem hof aus dieser ungewohnten perspektive. wie ein röntgenbild von unserem hof-körper, das ich von außen betrachte, um zu analysieren und zu diagnostizieren. glashaut und herzschlag sind nicht mehr um mich, unser hofbauch hat uns ausgeschieden. die auszeit ist vorbei, wir haben diesen schonraum verlassen und sind wieder da eingestigen, wo wir ausgestiegen waren.

Mirja Rosenau